von Rudolp Preßler.

Der Abend kam. Die Schatten fielen

Rings an den Fenstern ward es hell

Die Kleine, müd vom Laufen und spielen,

lag mir am Fuß im Bärenfell

 

Die nackten Beinchen hochgezogen

Hielt sie in kleiner Hand den Stift

Und füllte meinen schönsten Bogen

Mit Häkchen und mit Runenschrift

 

Ring war's so still, wie zum Gebete;

Der ems'ge Stift nur raschelt leis...

Es schrieb kein Dichter und Prophete

Sein Weisheitsbuch mit größrem Fleiß

 

Da plötzlich schmeichelnd mit den lieben

Äuglein mein Kindchen zu mir schlich:

„Weißt du, Papa, was ich geschrieben?"

„Ein Briefchen?" - „Ja" - „An wen?" -

„An dich"

 

„Goldkind, an mich? Was steht darinnen?

Der Abend macht die Augen trüb...

Und sie, nach lächelndem Besinnen:...

„Daß ich dich lieb hab‘, furchtbar lieb!"

 

Es floß ein letzter Sonnenschimmer

Ums Köpfchen ihr mit goldnem Hauch -

„Das schreibst du mir im selben Zimmer?

Sag‘s mir doch laut, dann weiß ich's auch."

 

Da sah mich an das kleine Wesen

Und reicht‘ das Blatt mir lächelnd hin;

„Behalt's, Papa, dann kannst du‘ lesen,

wenn ich mal nicht im Zimmer bin..."

 

.... O bittres Wort aus lieben Zeiten,

das du der Sehnsucht Flügel leihst!

Es schlug die Stunde längst zum Scheiden

Und dies Zimmer ist verweist

 

Von deinem Jauchzen, deinem Lieben,

von all dem, was sich nie vergißt,

ist nur ein Blatt geblieben

das wirr und kraus bekritzelt ist


   
© 2018 Bibel-Hauskreisversammlung, diese Seite wurde von Joomla! Notdienst im September 2013 neugestaltet.